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"Das geballte Wissen hier ist unglaublich"

Im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt wird technologische Innovation vorangetrieben. Wie ist es, hier als Designerin zu arbeiten? XR Co-Designerin Jessica Herzig erlaubt uns einen Blick hinter die Kulissen.

"Das geballte Wissen hier ist unglaublich" -

Südlich der Elbe, einen kurzen Fußmarsch vom Fähranleger Rüschpark entfernt, eröffnet sich ein eindrucksvoller Hub für technologische Innovation: Das Zentrum für Angewandte Luftfahrtforschung (ZAL), in dem das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) Schulter an Schulter mit Industrie, Unternehmen und Start-Ups arbeitet. Die meisten Menschen hier haben Physik, IT, Ingenieur- oder Naturwissenschaften studiert. Wie ist es, an so einem Ort als Designerin Fuß zu fassen?

Das erzählt uns Jessica Herzig vom DLR-Institut für Systemarchitekturen in der Luftfahrt. In ihrem Team werden neuartige Kabinensysteme für Flugzeuge, Helikopter oder Flugtaxis gestaltet. Zusätzlich erforscht Jessica wissenschaftlich, wie sich solche Kabinen disruptiv, kollaborativ und besonders nutzerorientiert entwickeln lassen.

Gemeinsam laufen wir durch die langen Flure des ZAL und staunen über den Ausblick in die großen Hangars, in denen Flugzeugteile von Industriepartnern wie Airbus und Lufthansa Technik stehen. Im mit Pflanzen, Skizzen und kleinen Figürchen gespickten Büro des Designteams sprechen wir darüber, wo in einem solch technischen Umfeld Inspiration entsteht und was als Designerin im DLR besonders wichtig ist. Meet the Designers – meet Jessica Herzig!

Liebe Jessica, das Deutsche Luft- und Raumfahrtzentrum ist ein außergewöhnlicher Arbeitgeber. Wie landet man als Designerin hier?

Gestartet bin ich als Konzeptdesignerin, aber in meinem Masterstudium habe ich mich auf technisches Industriedesign spezialisiert. Eine Kommilitonin von mir arbeitete als Werkstudentin beim DLR. Über sie habe ich mitbekommen, dass dort eine Designerin gesucht wird, die nicht zwangsläufig aus der Luftfahrtbranche kommen muss. Also habe ich mich beworben – und wurde zum Glück angenommen.

Hattest du vorher schon eine Faszination für Luft- und Raumfahrt?

Nicht wirklich. Aber ich bin ein sehr wissbegieriger Mensch und mochte es schon immer, mir neue Themen anzueignen. In der Luftfahrtbranche verändert sich ständig etwas, an das ich mein gestalterisches Schaffen anpassen muss. Diese Herausforderung ist sehr reizvoll für mich.

Was war dein erster Eindruck vom DLR?

Zu Beginn war es auf jeden Fall einschüchternd, weil hier super viele kluge Köpfe aus allen möglichen Bereichen zusammenarbeiten, von denen ich zuvor keine Ahnung hatte. Ich wurde aber total nett aufgenommen und habe schnell gemerkt, dass meine Perspektive hier gefragt ist.

"Wir fühlen uns hier schon manchmal wie der Underdog."

Was zeichnet deine Perspektive aus?

Als Designerin ist für mich natürlich Kreativität wichtig, aber auch eine Offenheit für neue Felder und interdisziplinäres Arbeiten. Weil unser Team meistens an sechs bis acht Projekten gleichzeitig arbeitet, brauchen wir außerdem einen besonders guten Überblick.

Warum ist es so wichtig, dass es in einem Unternehmen wie dem DLR gestalterische Perspektiven gibt?

Die Flugzeugkabine ist das Aushängeschild einer Airline. Der Passagier sieht am Ende nur die Kabine und nicht den Laderaum, die Turbine oder das Cockpit. Deshalb ist es sehr wichtig, verschiedene Regularien für Kabinen nicht bloß zu übersetzen, sondern ansprechend und komfortabel zu gestalten.

Wir sind insgesamt vier Designer*innen – von 120 Personen in unserem Institut und von deutschlandweit 11.000 Angestellten des DLR. Dadurch fühlen wir uns manchmal schon ein bisschen wie der Underdog. Mittlerweile wird unsere Expertise aber sehr geschätzt und die Kolleg*innen kommen aktiv auf uns zu.

"Virtuelle Methoden sind schneller und ressourcenschonender."

Was sind als Team eure Hauptaufgaben?

Wir entwickeln Kabinenkonzepte für neuartige Flugzeugkonfigurationen, zum Beispiel für Flugzeuge, die mit Wasserstoff betrieben werden. Wichtig ist dabei, nicht allein hübsche Räume zu gestalten, sondern Konzepte zu entwerfen, die nah an den Bedürfnissen der Nutzer*innen sind. Dafür verwenden wir einen nutzerorientierten Co-Design-Prozess. Und natürlich müssen die Konzepte auch gewissen Regulatorien der Luftfahrt entsprechen.

Unsere Arbeit besteht dabei einerseits aus gestalterischen Arbeiten – wir entwerfen Konzeptskizzen, 3D- und VR-Modelle. Andererseits entwickeln wir eine Methodik, um Kabinenkonzepte nachhaltiger und nutzerorientierter gestalten zu können. Diese Methoden testen wir in Studien und Workshops und übersetzen sie dann in wissenschaftliche Paper, die wir bei Konferenzen vorstellen.

Ihr arbeitet viel virtuell. Was ist der Vorteil gegenüber physischen Entwürfen und Modellen?

Virtuelle Methoden sind oft schneller umsetzbar und ressourcenschonender. Gerade in den ersten Entwurfsphasen hat es sich für uns bewährt, digital zu arbeiten. Wir können Ergebnisse somit leicht an andere Prozesse innerhalb des Instituts anschließen und sie schneller integrieren oder bewerten. Physische Mockups werden in den Endphasen des Gestaltungsprozesses wichtiger.

Wie genau sieht der wissenschaftliche Teil deiner Arbeit aus?

Seit Anfang 2025 arbeite ich an meiner Promotion im Bereich XR Co-Design und erforsche, welche Gestaltungsfaktoren Einfluss auf kollaborative Prozesse in virtuellen Interaktionsräumen haben. Ich entwerfe virtuelle Räume, in denen gezielt einzelne gestalterische Dimensionen variiert werden. In kontrollierten Nutzerstudien analysiere ich dann, wie die unterschiedlichen Darstellungsformen die Wahrnehmung, Zusammenarbeit und Entscheidungsprozesse der Teilnehmenden beeinflussen.

Das Ziel ist, Leuten mit ganz unterschiedlichen Kompetenzen und Bedürfnissen kreative Tools an die Hand zu geben, mit denen sie dann gemeinsam ein Konzept für eine Flugzeugkabine entwerfen können, das sowohl den Ingenieur*innen als auch den Passagier*innen gefällt.

In deiner Doppelfunktion als Designerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin hast du viele Aufgabenfelder. Was begeistert dich am meisten?

Dass ich jeden Tag zwischen meinen Funktionen switchen kann, ist super. An einem Tag lese ich Paper oder plane eine Studie, an einem anderen erstelle ich ein 3D-Modell oder eine VR-Anwendung. Durch diese Mischung wird es nie langweilig.

Grundsätzlich finde ich im DLR das geballte Wissen unglaublich. Dass du hier wirklich für jeden Fachbereich einen Experten sitzen hast, den du fragen kannst. Damit wächst auch das eigene Wissen immer weiter.

"Ich finde es spannend, physikalische Elemente in Designs zu übersetzen."

Gibt es trotzdem bestimmte Aspekte, die dich langweilen?

Wir müssen viele Anträge einreichen, zum Beispiel für Gelder oder gewisse Reisen. Diese Bürokratie dauert immer sehr, sehr lange. Das kann einen manchmal echt zermürben. Aber sonst macht es wirklich Spaß – auch die Zusammenarbeit mit verschiedenen Industriepartnern und Stakeholdern, die an diesen Anträgen hängt.

Wir sprechen mit Designer*innen viel darüber, was sie inspiriert. Ist die klassische Vorstellung von Inspiration für deine Arbeit überhaupt ein relevantes Konzept?

Inspiration ist sehr wichtig für mich. Neben den vorhandenen Problemen, die wir gestalterisch lösen, versuchen wir natürlich auch, neue Dinge zu entwerfen. Natur inspiriert mich dabei, aber auch die Naturwissenschaften. Schon in meinem Studium habe ich gerne physikalische und chemikalische Elemente in meine Arbeit einfließen lassen und finde es bis heute sehr spannend, diese Inhalte in Designs zu übersetzen.

Euer Standort in Finkenwerder ist wirklich riesig. Wo hältst du dich hier am liebsten auf?

Unser Designbüro ist mein Lieblingsraum. Ich mag unser Team einfach gern, denn da ist immer gute Stimmung. Außerdem haben wir Pflanzen und Snacks (lacht).

Du bist gebürtige Hamburgerin. War es eine aktive Entscheidung, für das Berufsleben hier zu bleiben?

Hamburg ist der drittgrößte zivile Luftfahrtstandort weltweit. Wenn du in diesem Bereich arbeiten willst, gibt es also kaum einen besseren Ort. Da ich direkt nach meinem Studium einen Platz beim DLR bekommen habe, bin ich gerne geblieben.

Empfindest du die Stadt als Gestalterin als einen guten Ort?

Die Designszene hier ist unfassbar gut vernetzt, auch über Disziplinen hinweg. Was ich besonders an Hamburg schätze, sind die kleinen Subkollektive und auch die politische Szene, die sich innerhalb der Design- und Kreativbranche verortet.

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