Räume zum Leben bringen
Ivonna Luty, Kim Marc Bobsin, Bettina Schön und Ole Grönwoldt sind Spezialist*innen für Raumgestaltung, die das Gemeinsame von Innenarchitektur und Interior Design betonen.
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Ivonna Luty, Kim Marc Bobsin, Bettina Schön und Ole Grönwoldt sind Spezialist*innen für Raumgestaltung, die das Gemeinsame von Innenarchitektur und Interior Design betonen.

Um gestalterische Aufgaben von Innenarchitektur und Interior Design ging es beim Design Talk am 16. Juni 2026. Die Expert*innen Bettina Schön (Architektin, Stadtplanerin und freie Redakteurin beim CUBE Magazin), Kim Marc Bobsin (Spezialist für Emotional Spaces und Mitinhaber der Agentur Seel Bobsin Partner), Ivonna Luty (freie Innenarchitektin und Visual Merchandiserin) sowie Ole Grönwoldt (Bildender Künstler und Leiter des Ateliers Ole Grönwoldt Spatial Design) plädierten dafür, eine Abgrenzung zwischen Interior Design und Innenarchitektur aufzuheben, um das Gemeinsame zu betonen.
"Wohnszenarien, die wir im Internet sehen, haben wenig mit der Lebensrealität der meisten Menschen zu tun."
Bettina Schön konzentriert sich an diesem Abend auf den Aspekt des Wohnens: Wie erleben wir Wohnräume? Wie werden sie gestaltet – und von wem? Gestaltung hat viel mit der eigenen Person und ihrem Kulturkreis zu tun, stellt die Fachjournalistin fest. In den sozialen Medien wird das Thema zunehmend mit schönen bunten Bildern gefeiert. "Was wir im Internet sehen, sind ideal dargestellte Wohnszenarien, Wohnträume, die wenig mit der Lebensrealität der meisten Menschen zu tun haben," sagt sie. Welche Emotionen ein reales Raumerlebnis auslöst, wird neben Größe und Möblierung auch vom physikalischen Teil der Wahrnehmung beeinflusst – von Farben, Licht, Akustik oder Belüftung. "Architekten denken ein Gebäude als Ganzes, und auch gute Interior Designer*innen und Innenarchitekten tun das."
Was aber wollen Bewohner*innen durch ihre Inneneinrichtung ausdrücken? Ausgewählte Bildbeispiele aus verschiedenen Epochen veranschaulichen, dass Menschen gerne zeigen wie sie sich wohlfühlen, was sie haben und was sie wertschätzen, erklärt Bettina. In Hamburg leben 80 Prozent der Einwohner*innen als Mieter in einer großen Bandbreite an Wohnformen – von Gründerzeitvillen bis zu Hochhäusern. "Wir alle beschäftigen uns mit dem Thema Raum und versuchen, das für uns Beste daraus zu machen", schließt sie ihren Vortrag.


Mit der Einrichtung von Räumen für Unternehmen beschäftigt sich Kim Marc Bobsin. Sein Büro Seel Bobsin Partner nennt den Arbeitsschwerpunkt des Teams nicht Innenarchitektur, sondern "Emotional Spaces". Dieser Name ist Programm, denn die von sbp geschaffenen Räume erzeugen besondere Erlebnisse für die Nutzenden.
"Durch eine gezielte Emotionalisierung von Flächen entstehen persönliche Lieblingsorte, an denen man sich spürbar wohlfühlt", sagt Kim Marc und weist darauf hin, dass wir einen Großteil unserer Zeit in Räumen verbringen. Deshalb geht es ihm darum, räumliche Umgebungen so attraktiv wie möglich zu machen. Wer erfolgreich gestalten möchte, brauche ein Gespür für Design, Lust auf Inszenierung sowie Kenntnisse über Farbe und Materialien.
"Man muss den Mut haben, die Bauherrschaft zu begeistern."
Erlebniswelten, die er für Kunden wie Philips, Boston Consulting oder Zalando entwickelt, haben immer den Menschen als Maßstab. "Wir hören zunächst gut zu, damit wir die individuellen Bedarfe verstehen," betont Kim Marc Bobsin.
Um kreative Designkonzepte gekonnt umzusetzen, sei auch technisches Knowhow und Erfahrung nötig. "Man muss neugierig und leidenschaftlich bleiben und den Mut haben, die Bauherrschaft zu begeistern." Zudem wird nachhaltiges Denken und Handeln immer wichtiger. "Beim zirkulären Bauen ist aber keine 180 Grad-Wendung möglich, denn wir müssen nachhaltige Produkte für unsere Projekte Schritt für Schritt von der Industrie einfordern."


Die freie Innenarchitektin Ivonna Luty hebt die Bedeutung von Bestandbauten hervor, verbunden mit der provokanten Einstiegsfrage "Ist das Baukultur oder kann das weg?". Im Anschluss beantwortet sie die Frage "Wie können wir Bestand schützen?" selbst, nämlich indem "Innenarchitekt*innen ihn als wichtig erklären."
"Auf den Plattformen findet eine Demokratisierung von Design statt."
In den sozialen Medien finden sich aber auch zahlreiche kreative Beispiele von Menschen, die diesen Beruf nicht ausüben. Angesichts dessen erinnert uns Ivonna an die bekannte Aussage von Joseph Beuys, wonach jeder Mensch ein Künstler ist. "Auf den Plattformen findet eine Demokratisierung von Design statt", lobt sie. "Dort wird ein Bewusstsein geschaffen für die Wirkung von Farbe, Licht und Materialien im Alltag. Und wir sehen Details, die nicht perfekt sind."
Ihr Learning daraus: Nicht alles muss neu sein, auch Gebrauchtes hat seine Reize, wenn man es neu inszeniert. In anderen Kulturen sind diese Erkenntnisse längst selbstverständlich. "Es gibt unfassbar viel Bestand in Deutschland, der muss saniert, neu gestaltet und neu belebt werden," fordert Ivonna Luty. "Wenn alle, also auch Hobby-Gestaltende auf den sozialen Plattformen mitmachen, ist das doch toll. Es gibt viel zu tun!"
Kunst im Raum ist das Thema von Ole Grönwoldt, ihn treibt die Neugier an, Neues gut zu gestalten. Kategorien wie Innenarchitektur und Interior Design hält Ole für überflüssig, er plädiert dafür, sie ganz über Bord zu werfen. Seine Projekte nennt er stattdessen "Spatial Design", denn: "Mit diesem Namen können wir alles machen!"
Beispielhaft für seine eigene Arbeit steht die Gestaltung einer Fußballloge als räumliche Collage von Architekturzitaten, die er im Auftrag der Hamburger Agentur Jung von Matt realisiert hat: Ein barocker Altar trifft auf Böden, die von der Renaissance inspiriert sind. Gotische Fenster leiten den Blick zur Mannschaft vom FC St. Pauli, deren Spieler im Stil von Ikonenmalerei verewigt sind. An der Decke sieht man Engelswesen beim Fußballspiel, alles in Schwarz-Weiß und Grautönen.
Seine Inspirationsquellen sind Dinge des Alltags, wie etwa verzweigte und verknüpfte Oberlandleitungen für elektrischen Strom, die "wunderschöne Strukturen" bilden. "Was darf Interior Design, was darf Innenarchitektur – im Ausland gibt es solche Bewertungen nicht," stellt Ole fest. In dieser Talkrunde waren sich alle einig: Wichtig ist, dass man etwas gut gestaltet, nicht wie man es nennt.